
Die quälende Stille nach Ihrer Bewerbung ist selten ein Zeichen von Desinteresse. Vielmehr spiegelt sie die komplexen, oft unsichtbaren internen Prozesse wider, die typisch für Schweizer Unternehmen sind. Dieser Artikel entschlüsselt für Sie die verborgene Mechanik hinter der Wartezeit – von mehrstufigen Budgetfreigaben über Abteilungs-Vetos bis hin zum Druck, unter dem Recruiter selbst stehen. Es ist keine persönliche Ablehnung, sondern ein systemisches Symptom, das Sie verstehen können.
Es ist ein Gefühl, das wohl jeder Bewerber in der Schweiz kennt: Sie haben Zeit und Energie in eine vielversprechende Bewerbung investiert, das erste Gespräch lief vielleicht sogar gut, und dann… Stille. Die Tage werden zu Wochen. Jeder Blick ins E-Mail-Postfach ist mit einer Mischung aus Hoffnung und Frustration verbunden. Man beginnt, an sich selbst zu zweifeln. War ich doch nicht überzeugend genug? Habe ich etwas Falsches gesagt? Die üblichen Ratschläge wie „Unternehmen erhalten viele Bewerbungen“ oder „die HR-Abteilung ist überlastet“ helfen da wenig weiter.
Als Prozessoptimierer im Personalwesen kann ich Ihnen versichern: Ihre Frustration ist absolut berechtigt. Doch die Ursache für die Verzögerung ist oft weitaus komplexer und struktureller Natur als ein einfacher „langsamer Prozess“. Im Schweizer Arbeitsmarkt, auf dem sich laut aktuellen Statistiken viele qualifizierte Personen bewerben, haben sich über Jahre hinweg tief verwurzelte Entscheidungsmechanismen etabliert. Diese sind auf Konsens, Sicherheit und Risikominimierung ausgelegt – und leider nicht auf Geschwindigkeit. Die Wahrheit ist, dass Ihre Bewerbung eine interne Odyssee durchläuft, die für Aussenstehende völlig unsichtbar ist.
Aber was, wenn die wahre Ursache nicht mangelndes Interesse an Ihrer Person ist, sondern eine systemische Trägheit, gegen die selbst die motiviertesten Recruiter ankämpfen? Wenn das Warten weniger mit Ihnen und mehr mit internen Machtspielen, Budgetzyklen und einer tief verankerten Konsenskultur zu tun hat? Genau hier setzen wir an. Dieser Artikel ist kein weiterer Ratgeber mit generischen Tipps, sondern ein ehrlicher Insider-Bericht. Ich werde die einzelnen Gänge dieser verborgenen Maschinerie für Sie beleuchten und Ihnen zeigen, warum die Zeit zwischen Bewerbung und Vertrag in der Schweiz eine ganz eigene Dimension hat.
Wir werden gemeinsam die einzelnen Stationen Ihrer Bewerbung auf ihrer internen Reise nachverfolgen. So verstehen Sie nicht nur, warum Sie warten müssen, sondern können die Situation auch besser einschätzen und professioneller damit umgehen.
Inhaltsverzeichnis: Die verborgene Mechanik hinter langen Bewerbungsverfahren
- Warum dauert der Rekrutierungsprozess in der Schweiz oft 3 Monate oder länger?
- Warum Ihre Stelle oft erst final genehmigt wird, wenn Sie den Vertrag schon fast haben
- Der Flaschenhals Linie: Warum HR oft auf das Feedback des gestressten Teamleiters wartet
- Bewerben im Juli oder Dezember: Warum Sie in diesen Monaten doppelt so lange warten
- Referenzen und Strafregister: Wann im Prozess werden diese wirklich geprüft?
- Cost-per-Hire und Time-to-Fill: Unter welchem Druck stehen Recruiter eigentlich?
- Wenn die Stelle plötzlich gestrichen wird: Wie gehen Sie professionell damit um?
- Wie überstehen Sie ein 3-stufiges Assessment-Center bei einem Schweizer Grosskonzern ohne Nervenzusammenbruch?
Warum dauert der Rekrutierungsprozess in der Schweiz oft 3 Monate oder länger?
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Bewerbungsprozesse in der Schweiz eine Ewigkeit dauern, dann täuscht Sie Ihr Gefühl nicht. Eine umfassende Analyse von Online-Stelleninseraten zeigt, dass die durchschnittliche Vakanzdauer bei 43 Tagen liegt. Doch diese Zahl ist nur die Spitze des Eisbergs. Sie misst lediglich die Zeit, in der eine Stelle öffentlich ausgeschrieben ist. Der gesamte Prozess, von der internen Bedarfsanmeldung bis zur Vertragsunterzeichnung, kann sich leicht über drei Monate oder mehr erstrecken. Doch warum ist das so?
Der Hauptgrund liegt in der Schweizer Unternehmenskultur, die stark von Konsens und Risikovermeidung geprägt ist. Anders als in agileren, angelsächsischen Geschäftsmodellen, wo ein Manager oft autonom entscheiden kann, wird in der Schweiz die Meinung verschiedener Stakeholder eingeholt. Eine Neueinstellung ist eine bedeutende Investition, und man will absolut sichergehen, die richtige Entscheidung zu treffen. Dies führt zu einem mehrstufigen internen Abstimmungsprozess, der oft als „interne Vernehmlassung“ bezeichnet werden kann. Jeder, vom direkten Vorgesetzten über den Abteilungsleiter bis hin zur Finanz- und HR-Abteilung, muss seine Zustimmung geben.
Diese Kultur der gemeinsamen Entscheidungsfindung hat durchaus ihre Vorteile: Sie führt zu durchdachteren und nachhaltigeren Personalentscheidungen und fördert die Integration neuer Mitarbeiter ins Team. Für Bewerber bedeutet sie jedoch vor allem eines: Warten. Jede einzelne Stufe dieses Prozesses kann durch Abwesenheiten, unterschiedliche Prioritäten oder einfach nur volle Terminkalender der Beteiligten verzögert werden. Es ist ein strukturelles Merkmal, kein persönliches Versäumnis Ihnen gegenüber.
Warum Ihre Stelle oft erst final genehmigt wird, wenn Sie den Vertrag schon fast haben
Eines der frustrierendsten Phänomene für Bewerber ist die Erkenntnis, dass die Stelle, auf die sie sich beworben haben, zum Zeitpunkt des Interviews oft noch gar nicht final freigegeben ist. Aus Ihrer Sicht ist die Position existent und budgetiert. Intern sieht die Realität jedoch anders aus. Oft wird der Rekrutierungsprozess parallel zur finalen Budgetgenehmigung gestartet, um Zeit zu sparen – ein gut gemeinter, aber für Kandidaten verwirrender Ansatz.
Dieser Prozess ist eine komplexe Choreografie. Er beginnt mit einer Bedarfsanmeldung durch den Linienvorgesetzten und durchläuft dann eine Kaskade von Genehmigungen. Man kann sich das wie ein mehrstufiges Sicherheitssystem vorstellen, bei dem auf jeder Ebene ein neuer Schlüssel benötigt wird. Die Komplexität dieses sogenannten „internen Vernehmlassungsprozesses“ ist eine Hauptursache für die langen Wartezeiten. Es ist ein Paradebeispiel für die Schweizer Gründlichkeit, die in diesem Kontext zur Geduldsprobe wird.
Folgende Stationen muss eine Stellenfreigabe typischerweise durchlaufen, bevor ein Vertrag überhaupt aufgesetzt werden darf:
- Linienvorgesetzter: Meldet den Bedarf und erstellt eine erste Stellenbeschreibung.
- HR-Abteilung: Prüft die Stellenbeschreibung, die Eingruppierung und die grundsätzliche Budget-Plausibilität.
- Nachbarabteilungen: Werden oft konsultiert, um Kompetenzüberschneidungen zu vermeiden.
- Finanzabteilung: Führt die finale Budgetkontrolle durch und gibt die Mittel frei.
- Personalkommission/Betriebsrat: Muss in vielen Unternehmen formell zustimmen.
- Geschäftsleitung: Erteilt die endgültige, strategische Freigabe.
Wenn auch nur eine dieser Parteien Rückfragen hat, im Urlaub ist oder das Thema in der wöchentlichen Sitzung vertagt wird, kommt der gesamte Prozess ins Stocken. Sie als Kandidat befinden sich in der Warteschleife, ohne zu wissen, dass intern gerade um die Existenzberechtigung „Ihrer“ Stelle gerungen wird.
Der Flaschenhals Linie: Warum HR oft auf das Feedback des gestressten Teamleiters wartet
Selbst wenn die HR-Abteilung effizient arbeitet, stösst sie oft an eine entscheidende Hürde: den zukünftigen Vorgesetzten, auch „Linie“ genannt. Recruiter können Kandidaten screenen, Interviews führen und eine Shortlist erstellen, aber die finale Entscheidung liegt fast immer beim Team- oder Abteilungsleiter. Und genau hier entsteht oft der grösste Prozess-Flaschenhals. Linienvorgesetzte sind in der Regel keine Vollzeit-Manager; sie sind Fachexperten, Projektleiter oder Ingenieure, die das Recruiting „nebenbei“ erledigen müssen.
Ihr Terminkalender ist voll mit operativen Aufgaben, Kundenterminen und Projekt-Deadlines. Das Sichten von Lebensläufen und das Führen von Interviews wird oft als zusätzliche Belastung empfunden und auf ruhigere Momente verschoben – die es selten gibt. HR kann freundlich erinnern und Fristen setzen, doch ohne das qualifizierte Feedback der Linie geht es nicht weiter. Diese Abhängigkeit ist eine der Hauptursachen für plötzliche Funkstille nach einem eigentlich positiv verlaufenen Gespräch.
Paradoxerweise schaden sich Unternehmen damit selbst am meisten. Die Kosten einer unbesetzten Stelle, die sogenannten „Vakanzkosten“, sind enorm. Eine Analyse der KOF Konjunkturforschungsstelle zeigt, dass der Wertschöpfungsverlust für die Schweizer Wirtschaft durch zu lange unbesetzte Stellen fast fünf Milliarden Franken beträgt. Jede Woche, die ein qualifizierter Mitarbeiter fehlt, bedeutet entgangene Projekte, überlastete Teams und verlorene Aufträge.

Dieses Bild illustriert den finanziellen Druck, der hinter jeder unbesetzten Stelle steckt. Obwohl Unternehmen sich der hohen Kosten bewusst sind, lähmt die operative Hektik des Alltags oft die strategisch wichtige, aber nicht dringende Aufgabe der Rekrutierung. Als Bewerber sitzen Sie zwischen den Stühlen: Das Unternehmen braucht Sie dringend, aber die Person, die die Entscheidung treffen muss, hat keine Zeit, sich um Sie zu kümmmern.
Bewerben im Juli oder Dezember: Warum Sie in diesen Monaten doppelt so lange warten
Neben den strukturellen Hürden gibt es einen weiteren, sehr pragmatischen Faktor, der Bewerbungsprozesse in der Schweiz massiv verlangsamt: die Ferienkultur. Im Gegensatz zu Ländern, in denen das Geschäftsleben das ganze Jahr über auf Hochtouren läuft, gibt es in der Schweiz klar definierte Phasen, in denen die Produktivität spürbar sinkt. Eine Bewerbung, die in eine solche Phase fällt, kann sich leicht um mehrere Wochen verzögern.
Besonders die Monate Juli/August und die Zeit um Weihnachten/Neujahr sind berüchtigt. Während der Sommerferien, die in der Schweiz kantonal gestaffelt sind, ist es fast unmöglich, alle für eine Entscheidung notwendigen Personen gleichzeitig im Büro anzutreffen. Fällt die Abwesenheit des entscheidenden Linienvorgesetzten oder des Finanzchefs in diese Zeit, liegt der Prozess auf Eis. Dasselbe gilt für die Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig, in der viele Betriebe ganz schliessen oder nur mit einer Notbesetzung arbeiten. Statistiken des Staatssekretariats für Wirtschaft bestätigen, dass die Zahl der offenen Stellen saisonalen Schwankungen unterliegt, was die reduzierte Aktivität widerspiegelt.
Die folgende Übersicht zeigt, wie sich die typischen Schweizer Ferienzeiten auf Rekrutierungsprozesse auswirken können. Diese Planung ist entscheidend, um die Erwartungen an die Antwortzeiten realistisch zu halten.
| Zeitraum | Ferientyp | Betroffene Kantone | Auswirkung auf Rekrutierung |
|---|---|---|---|
| Juli-August | Sommerferien | Alle (gestaffelt) | 5-wöchige Unterbrechung |
| Dezember-Januar | Weihnachtsferien | Alle | Kompletter Stillstand |
| Februar-März | Sportferien | Kantonal unterschiedlich | 1-wöchige Verzögerung |
Auch die kürzeren Sportferien im Februar/März oder die Oster- und Herbstferien können zu Verzögerungen führen, wenn auch in geringerem Ausmass. Wenn Sie also in diesen Zeiten eine Bewerbung abschicken und nichts hören, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Ihr potenzieller zukünftiger Chef gerade auf der Skipiste oder am Strand ist.
Referenzen und Strafregister: Wann im Prozess werden diese wirklich geprüft?
Ein weiterer Punkt, der Bewerber oft überrascht und den Prozess in der Endphase verzögern kann, ist die späte, aber gründliche Überprüfung von Dokumenten und Referenzen. Während man annehmen könnte, dass diese Prüfungen frühzeitig erfolgen, werden sie aus Effizienz- und Datenschutzgründen meist erst dann durchgeführt, wenn Sie der finale Kandidat sind. Kein Unternehmen investiert den Aufwand, für zehn Kandidaten Referenzen einzuholen und Dokumente zu prüfen.
Diese letzte Hürde kann jedoch zeitaufwändiger sein als gedacht. Besonders in der Schweiz kommen spezifische Anforderungen hinzu, die den Prozess um einige Tage verlängern können. Die Einholung dieser Dokumente liegt oft in der Verantwortung des Bewerbers, was eine proaktive Vorbereitung umso wichtiger macht.
Fallbeispiel: Die Schweizer Besonderheiten der Dokumentenprüfung
In der Schweizer Praxis zeigt sich, dass die Dokumentenprüfung meist erst in der finalen Phase nach der mündlichen Zusage erfolgt. Ein Strafregisterauszug darf gemäss Schweizer Datenschutzgesetz nur verlangt werden, wenn er für die Eignung der Stelle direkt relevant ist – etwa bei Tätigkeiten mit Minderjährigen oder in der Vermögensverwaltung. Eine weitere Schweizer Besonderheit ist der Betreibungsauszug. Dieser wird besonders in der Finanz-, Treuhand- und Versicherungsbranche, aber auch bei Positionen mit Budgetverantwortung, standardmässig angefordert, um die finanzielle Zuverlässigkeit eines Kandidaten zu prüfen. Die Beschaffung beider Dokumente kann den Prozess leicht um zusätzliche 3-5 Arbeitstage verlängern, da sie offiziell beantragt werden müssen.
Auch die Referenzprüfung wird in der Schweiz sehr ernst genommen. Es handelt sich selten um ein kurzes Telefonat zur Bestätigung der Anstellungsdaten. Vielmehr führen Recruiter oder Linienvorgesetzte detaillierte Gespräche mit den von Ihnen angegebenen Referenzpersonen. Sie fragen gezielt nach Ihrer Arbeitsweise, Teamfähigkeit und spezifischen Leistungen, um ein Bild „zwischen den Zeilen“ des Arbeitszeugnisses zu erhalten. Wenn eine Referenzperson schwer erreichbar ist, kann auch dies zu einer weiteren, unerwarteten Verzögerung führen.
Cost-per-Hire und Time-to-Fill: Unter welchem Druck stehen Recruiter eigentlich?
Aus der Perspektive eines frustrierten Bewerbers mag es so aussehen, als ob die HR-Abteilung die Zeit einfach verstreichen lässt. Die interne Realität sieht jedoch völlig anders aus. Recruiter stehen unter enormem Druck, der von zwei zentralen Kennzahlen (KPIs) angetrieben wird: der „Time-to-Fill“ und dem „Cost-per-Hire“. Time-to-Fill misst die Anzahl der Tage, die benötigt wird, um eine offene Stelle zu besetzen. Cost-per-Hire berechnet die gesamten Kosten, die durch den Rekrutierungsprozess entstehen, von Inseratekosten bis zu den Gehältern der beteiligten Mitarbeiter.
Jeder zusätzliche Tag, den eine Stelle unbesetzt bleibt, verschlechtert die „Time-to-Fill“-Statistik und treibt indirekt die Kosten in die Höhe. Recruiter haben also ein ureigenes Interesse daran, den Prozess so schnell wie möglich abzuschliessen. Sie sind oft die treibende Kraft, die bei den Linienvorgesetzten nachhakt und versucht, die internen Prozesse zu beschleunigen. Sie sind Ihre Verbündeten, nicht Ihre Gegner.
Gleichzeitig kämpfen sie an einer anderen Front: dem Fachkräftemangel. Wie das Bundesamt für Statistik berichtet, geben fast 37,6% der Unternehmen an, Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von qualifiziertem Personal zu haben. Dieses Dilemma zwingt Recruiter zu einem schwierigen Spagat: Sie müssen schnell sein (um die KPIs zu erfüllen), aber gleichzeitig gründlich und überzeugend (um die wenigen verfügbaren Top-Kandidaten für das Unternehmen zu gewinnen). Sie können es sich nicht leisten, einen vielversprechenden Kandidaten durch schlechte Kommunikation oder zu lange Wartezeiten zu verlieren. Wenn Sie also warten, dann meist nicht, weil der Recruiter untätig ist, sondern weil er auf eine der vielen internen Genehmigungen oder auf Feedback wartet, das ausserhalb seiner Kontrolle liegt.
Das Wichtigste in Kürze
- Konsenskultur: Entscheidungen in der Schweiz benötigen die Zustimmung vieler Parteien, was den Prozess naturgemäss verlangsamt.
- Parallele Prozesse: Die Stellensuche beginnt oft, bevor die Position final budgetiert und genehmigt ist, was zu Unsicherheiten führt.
- Operative Überlastung: Entscheidende Linienvorgesetzte sind oft mit dem Tagesgeschäft überlastet und priorisieren Recruiting-Aufgaben nicht.
Wenn die Stelle plötzlich gestrichen wird: Wie gehen Sie professionell damit um?
Es ist das schlimmste Szenario für jeden Bewerber: Man hat mehrere Runden überstanden, ist in der finalen Auswahl und erhält dann die Nachricht, dass die Stelle plötzlich gestrichen wurde. Die erste Reaktion ist oft Unglaube, gefolgt von Wut und Enttäuschung. Als Prozessoptimierer kann ich Ihnen sagen: Dies geschieht leider häufiger, als man denkt, und ist für alle Beteiligten, auch für die HR-Abteilung, extrem unangenehm.
Die Gründe dafür sind meist strategischer oder wirtschaftlicher Natur und haben absolut nichts mit Ihrer Qualifikation zu tun. Eine plötzliche Budgetkürzung, eine interne Umstrukturierung oder eine Neuausrichtung der Unternehmensstrategie können dazu führen, dass eine bereits fast besetzte Stelle wieder vom Tisch ist. Ein professionelles Unternehmen wird diese Situation transparent und mit Wertschätzung kommunizieren. Leider ist das nicht immer der Fall, und Kandidaten werden mit einer kurzen, unpersönlichen E-Mail abgespeist oder hören gar nichts mehr („Ghosting“).

Sollten Sie in diese unglückliche Situation geraten, ist es wichtig, professionell zu reagieren. Auch wenn es schwerfällt, vermeiden Sie eine wütende oder vorwurfsvolle Antwort. Bedanken Sie sich stattdessen für die Information und das bisherige Interesse. Bekunden Sie Ihr weiterhin bestehendes Interesse am Unternehmen und fragen Sie, ob Sie Ihre Unterlagen für zukünftige Vakanzen im Talentpool hinterlassen dürfen. Eine solche Reaktion hinterlässt einen äusserst professionellen und positiven Eindruck und hält Ihnen Türen für die Zukunft offen.
Ihr Plan zur professionellen Reaktion auf eine Stellenstreichung
- Emotionen kontrollieren: Atmen Sie tief durch. Antworten Sie nicht sofort, sondern lassen Sie die erste Enttäuschung abklingen.
- Dankbarkeit ausdrücken: Beginnen Sie Ihre Antwort mit einem Dank für die transparente Information und die im Prozess investierte Zeit.
- Verständnis zeigen: Signalisieren Sie kurz, dass Sie verstehen, dass solche unternehmerischen Entscheidungen vorkommen können.
- Interesse bekräftigen: Betonen Sie Ihr ungebrochenes Interesse am Unternehmen und dessen Zielen. Bieten Sie aktiv an, für zukünftige, passende Positionen in Betracht gezogen zu werden.
- Netzwerk nutzen: Fragen Sie Ihren Ansprechpartner höflich, ob er Sie auf LinkedIn vernetzen möchte, um in Kontakt zu bleiben.
Wie überstehen Sie ein 3-stufiges Assessment-Center bei einem Schweizer Grosskonzern ohne Nervenzusammenbruch?
Wenn Sie es bis zum Assessment-Center (AC) eines Schweizer Grosskonzerns geschafft haben, haben Sie die grössten Hürden des Wartens bereits überwunden. Nun beginnt der finale Sprint. Solche ACs sind oft intensiv, dauern einen ganzen Tag und bestehen aus mehreren Modulen wie Fallstudien, Präsentationen, Gruppendiskussionen und Interviews. Der Gedanke daran kann nervenaufreibend sein, aber mit der richtigen Vorbereitung und Einstellung können Sie diesen Tag nicht nur überstehen, sondern auch glänzen.
Verstehen Sie das AC nicht als Prüfung, sondern als Arbeitssimulation. Das Unternehmen will sehen, wie Sie unter Druck arbeiten, wie Sie mit Kollegen interagieren und wie Sie komplexe Probleme lösen. Es geht weniger um die „perfekte“ Lösung als um Ihren Weg dorthin. Seien Sie authentisch, bringen Sie Ihre Persönlichkeit ein und versuchen Sie nicht, eine Rolle zu spielen. Die Assessoren sind geschult, Fassaden zu durchschauen. Ein seriöses Unternehmen wird den Tag für Sie so angenehm wie möglich gestalten.
Ein gut organisiertes, kandidatenzentriertes Assessment erkennen Sie an folgenden Merkmalen, die Sie auch als eine Art Checkliste für Ihre Erwartungen nutzen können:
- Die Agenda wird Ihnen mindestens drei Tage im Voraus zugesandt.
- Der Tag beginnt pünktlich als Zeichen des Respekts.
- Es sind ausreichend Pausen zwischen den einzelnen Übungen eingeplant.
- Ein informelles Mittagessen mit potenziellen Teamkollegen ist Teil des Programms.
- Es gibt eine dedizierte Frage-Antwort-Runde, eventuell sogar mit einem Mitglied der Geschäftsleitung.
– Am Ende des Tages wird klar kommuniziert, wie und wann die nächsten Schritte erfolgen.
Ihre beste Strategie ist, gut ausgeruht und vorbereitet zu erscheinen. Informieren Sie sich über das Unternehmen, seine aktuellen Herausforderungen und die Werte, die es vertritt. Während des ACs selbst: Hören Sie aktiv zu, bringen Sie Ihre Ideen klar auf den Punkt und, ganz wichtig, beziehen Sie andere Teilnehmer in Diskussionen mit ein. Teamfähigkeit ist in der Schweizer Konsenskultur eine der am höchsten bewerteten Eigenschaften.
Nutzen Sie dieses Wissen über die internen Abläufe und Herausforderungen, um den gesamten Bewerbungsprozess nicht als passives Warten, sondern als strategisches Spiel zu sehen. Jeder Kontaktpunkt ist eine Gelegenheit, Professionalität und Verständnis zu zeigen. Bereiten Sie sich gezielt vor und beweisen Sie, dass Sie auch in Phasen der Unsicherheit souverän, geduldig und der ideale Kandidat für die Position sind.
Häufige Fragen zum Bewerbungsprozess in der Schweiz
Wann darf ein Betreibungsauszug verlangt werden?
Ein Betreibungsauszug darf in der Schweiz vor allem in vertrauenssensiblen Positionen wie im Finanz-, Treuhand- oder Versicherungsbereich verlangt werden, wo der Umgang mit Geld oder vertraulichen Finanzdaten zum Arbeitsalltag gehört.
Wie detailliert sind Schweizer Referenzprüfungen?
Schweizer Referenzprüfungen sind oft sehr ausführlich und gehen über eine reine Formalität hinaus. Es werden gezielte Fragen zur Arbeitsweise, Teamfähigkeit und spezifischen Kompetenzen gestellt, um zwischen den Zeilen des Arbeitszeugnisses zu lesen.
Welche Dokumente verzögern den Prozess am meisten?
Strafregisterauszug und Betreibungsauszug benötigen typischerweise 3-5 Arbeitstage für die Beschaffung. Internationale Diplomanerkennungen können sogar mehrere Wochen in Anspruch nehmen und sollten daher so früh wie möglich beantragt werden.